In der Tat ist die Erwerbstätigenquote der relevantere Indikator für die Wirtschaftskraft eines Landes; dennoch hat sich die Arbeitslosenquote als der Indikator herausgebildet, an dem die Meisten ablesen, wie schlecht es uns geht. Beispielsweise ist in den 90er Jahren die Zahl der Erwerbstätigen jedes Jahr um 700.000 Arbeitsplätze angewachsen, aber die Arbeitslosigkeit hat sich nicht verringert - hier wurden viele Zuwanderer und vor allem die geburtenstarken Jahrgänge nach ihrem Schulabschluß in den Arbitsmarkt integriert. Eigentlich ein durchaus ansehnlicher Erfolg, aber verkauft wurde es als die Verfestigung der Massenarbeitslosigkeit.
Nur: Die Bevölkerung in Deutschland ist nicht stabil. Wir müßten etwa 2,3 Kinder pro Frau haben, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten, aber die Reproduktionsquote liegt bei eher 1,4. Wir leben derzeit in den mutmaßlich fettesten Jahren der Republik - kein Wunder, die geburtenstärksten Jahrgänge sind auf dem Höhepunkt ihrer Erwerbstätigkeit. In etwa 10 Jahren beginnt aber der Übergang ins Rentenalter, und dann wird sich das Verhältnis von Rentnern zu Erwerbstätigen rasch ändern. Während einerseits die Zahl der Erwerbstätigen durch den Rückgang der Geburtenzahlen ab den Geburtsjahrgängen 1970 ff. kontinuierlich zurückgeht, schwillt die Zahl der Rentner an, wenn die Jahrgänge 1955-1969 nach und nach aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Ab etwa 2030 ist dann der Tiefpunkt erreicht. Fast alle Angehörigen der starken Geburtsjahrgänge sind dann in Rente, die ersten werden pflegebedürftig, und es sind nur noch die relativ mageren Jahrgänge ab 1970 in Arbeit.
Es ist undenkbar, daß bei diesem Mißverhältnis ein reines Umlageverfahren bezahlbar bliebe und zugleich auskömmliche Rentenzahlungen oberhalb des Sozialhilfeniveaus bieten könnte. Also, rein theoretisch könnte dies über eine wundersame Steigerung der Arbeitsproduktivität ausgeglichen werden, aber wo soll das auf einmal herkommen? Auf so eine Hoffnung kann man keine Vermögensplanung gründen.
Es bleibt also nichts anderes übrig, als daß die geburtenstarken Jahrgänge Vorsorge über die gesetzliche Rente hinaus betreiben. Wer sich heute nichts zurücklegt - und zwar sehr viel zurücklegt!-, wird das im Rentenalter bitter bereuen und sich zwangsläufig stark einschränken müssen (oder weiter arbeiten, vermutlich bis jenseits der 70, wenn er oder sie es noch kann). Nun könnte man, um den Umverteilungsgedanken bei der gesetzlichen Rente fortzuführen, einen Teil der aktuellen Rentenbeiträge in eine Rücklagenbildung stecken, also eine staatliche Geldanlage. Alle Versuche, dies zu tun, sind aber kläglich gescheitert. Die Regierung Kohl führte den "demographischen Faktor" ein, die Regierung Schröder ließ ihn wieder streichen, dann führte sie ihn doch wieder ein, und in der großen Koalition wurde er de facto wieder ausgesetzt als irgendjemand apodiktisch erklärte, daß die heutigen Renten auf gar keinen Fall schrumpfen dürften, selbst wenn die Reallöhne der Erwerbstätigen zurückgehen (und obwohl man ja überhaupt noch dazu weiter ansparen müßte).
Mit anderen Worten, die Regierungen können der Versuchung seit Jahrzehnten nicht widerstehen, zugunsten der gegenwärtigen Rentnergeneration die Kasse zu plündern. Das muß man mal ganz klar so sagen. Keiner Rentnergeneration wie der heutigen ist es je in der Geschichte materiell so gut gegangen wie dieser. Was zurückgelegt werden müßte, um den brutalen Übergang zu dämpfen, der speziell uns bevorsteht, wird zugunsten der aktuellen Wählerstimmen verfrühstückt.
Meine Schlußfolgerung ist daher, daß man der Regierung so wenig Einfluß wie möglich auf die eigene Vermögensplanung geben darf. Politiker tun was sie können, um uns das Geld aus der Tasche zu ziehen, damit sie es anderen geben können. Ich mache ihnen da keinen Vorwurf, ebensowenig wie Hunden, daß sie an Laternenpfähle pinkeln und gelegentlich ihren eigenen Kot fressen - es entspricht nun mal ihrer Natur. Die Tyrannei der Wohlmeinenden ist die grausamste, denn weil sie glauben, andere zu beglücken, lassen sie niemals locker. Gute Absichten ersetzen aber keine guten Taten. Gefühligkeit darf nicht den Blick auf die Realitäten verschleiern, insbesondere, wenn die Realitäten unangenehm und unausweichlich sind - wie der demographische Wandel. Wir, die wir zwischen 35 und 55 sind, werden die äußerst bitteren Früchte der kurzsichtigen Politik ernten müssen.
Daher ist es im Grundsatz wenigstens zu begrüßen, daß mit "Rürup" und "Riester" wenigstens ein kleines bißchen getan wird, um private Vorsorge zu ermöglichen. Ich persönlich mache da nicht mit, weil ich den Politikern nun einfach nicht traue, daß sie nicht in 10 oder 15 Jahren mit einem Federstrich wieder etwas ganz anderes anfangen. Aber ich spare, was ich kann. Ich weiß natürlich trotzdem, daß es kein Entkommen gibt. Irgendwann wird man anfangen, das Geld derjenigen zu nehmen, die verantwortlich mit ihren EInkünften umgegangen sind und daher Ersparnisse haben. Aber was will man machen, gekniffen ist man ja so oder so.